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Krönender Abschluss in Bayern

Ostern in den Felsen - von Siegern und Bergziegen

Mein Sohn Till brauchte nicht viele Überredungskünste, um uns zur Teilnahme am diesjährigen „Prague Easter“ vom 19.-21.04.2019 bei Ceska Lipa in Tschechien zu bewegen. Warum nicht mal was Neues ausprobieren? Und flugs wurde ein Familienurlaub drumherum gebastelt.


Zwei Teilnehmer: Till in der H18 und ich in der D50. Der Rest der Familie fährt als Fanklub mit. Kaiserwetter und magische Landschaft - lässt sich gut an. Schreiben wir zuerst von der Jugend: Till landet auf Platz 1 nach dem ersten Lauf, wertet im Zielgelände mit allen möglichen Jugendlichen das Spektakel aus und wartet geduldig auf mich. 

Bei mir läuft es nicht ganz so optimal. Ich stehe im Tal zwischen hohen Sandsteinfelsen, schaue nach oben mit ungläubigem Blick und treffe auf zwei weitere deutsche Läuferinnen. „Die ticken doch nicht ganz richtig, uns hier hoch zu jagen!“ So der Kommentar der einen. Dem ist nichts hinzuzufügen. Nicht mal Heidelbeersträucher wachsen hier, an denen ich mich ein bisschen festhalten könnte. Oben angekommen, steht da tatsächlich der Posten, aber sogleich geht´s wieder steil bergab ins Tal. Rutschen auf dem Po ist sicherer als über die eigenen Beine zu stolpern. Im Ziel kann ich es nicht fassen: Ich werde disqualifiziert, weil ich einen Posten ausgelassen habe, einfach so, ohne es zu merken. Das ist mir noch nie passiert. Ich bin schwer enttäuscht.

Till meint an diesem Abend zu mir: „Jetzt weißt du, warum die Deutschen nicht Weltmeister werden. Die deutschen Wälder sind zu einfach zu belaufen.“ Kann schon sein. Weltmeisterin will ich sowieso nicht mehr werden, aber der Lauf heute hat mir alles abverlangt, so dass ich gehörigen Respekt vor morgen habe. Aufgeben gibt´s nicht, auch wenn ich nun gar nicht mehr in die Wertung komme. Brav absolviere ich mit Till am Abend sämtliche Dehnungs- und Lockerungsübungen.

Der zweite Tag: Till legt erneut einen starken Lauf hin und wird diesmal Zweiter. Morgen geht es für ihn um den Sieg. Beim Jagdstart wird sich zeigen, wer den besseren Tag und die stärkeren Nerven hat.

Ich habe ganz andere Probleme. Wieder stehe ich vor einer Felswand, bin schon eine Stunde unterwegs und habe wahnsinnigen Durst. Wieso stellen die Tschechen Getränkeposten nur bei den ganz langen Strecken auf? Ich brauche auch Wasser. Während ich gerade diese Felswand vor mir fassungslos anstarre, sagt jemand von hinten: „Na, dagegen sind die Kernberge gar nichts, oder?“ Ja, so ist es. Ich sage zu diesem Sportler, der offensichtlich Jena kennt und mich an meinem USV-Laufshirt identifiziert hat: „Hier komme ich nie hoch, nie!“ „Du musst die Pfade der Bergziegen suchen, dann schaffst du es!“ Nun habe ich weder das Gewicht noch die Sprungkraft oder die Unverdrossenheit einer Bergziege, aber mein neuer Gefährte macht mir Mut: „Bleib´ dicht hinter mir, geh´ nur auf allen Vieren, kein Blick nach unten, immer nur nach oben!“ Na schön. Er hat es offensichtlich nicht ganz so eilig, wenn er mich mit nach oben begleiten will. Sehr sympathisch. Wir kommen tatsächlich beide oben an und dann trennen sich unsere Wege schon wieder. Nach knapp 2 Stunden bin ich im Ziel, fast dehydriert, aber habe alle Posten gefunden. Eine Minute nach mir kommt der Kernberg-Kenner eingeflogen und meint als erstes: „Ah, die Bergziege ist auch schon da!“ Ich verzeihe ihm alles, die „Bergziege“ und das „schon“, weil er mir unterwegs Hilfe geleistet hat.

Am dritten Tag gewinnt Till den Jagdstart und damit die Gesamtwertung in der Altersklasse H18. Respekt vor dieser Leistung! Ich muss als Letzte auf die Bahn und komme auch als Letzte wieder an. Da ist die Siegerehrung längst gelaufen. Aber heute bin ich sehr glücklich: Ich fühle mich als Lucky Loser. Gesund aus dem Wald und echt krasse Erlebnisse gehabt. 

Wie schwer und anspruchsvoll dieser 3-Tage-Lauf war, das ist auch an der hohen Zahl der Disqualifikationen ersichtlich. Es hat nämlich nicht nur mich getroffen, sondern in manchen Altersklassen 50% der Läufer. In der H18 waren es 42%, in der D50 30%. 

Mein Tschechisch habe ich nebenbei auch aufgefrischt: Einmal rief ein junger Läufer laut „72?“ durch den Wald, auf Tschechisch, ein verzweifelter Schrei zwischen den steilen Felsen. Ja, die 72 habe ich auch gesucht und das tschechische Wort gut verstanden aufgrund der Ähnlichkeit zur russischen Sprache. Tatsächlich habe ich die 72 zuerst gefunden und zurückgebrüllt: „72!“ Auf tschechisch. Wie ein junges Reh kam der Läufer angesprungen und bedankte sich. Wie OL doch die Nationen und Generationen verbindet.

Fotos: Felix Geiler


29.04.2019 12:44 Kategorie: Orientierungslauf
Von: Susanne Geiler