Universitätssportverein Jena e.V.
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Altmeister der Laufbewegung verstorben

“Man fühlt sich zuweilen wie im Zoo”

USV Jena fordert mehr Möglichkeiten für geimpfte Personen und Stufenregelung für Breitensport


Es ist schon ein groteskes Bild, dass sich dem Spaziergänger aktuell bei gutem Wetter in der Oberaue bietet. Da, wo Thüringens größter Mehrspartensportverein seine mehrere Hektar große Heimat hat spielen sich in Pandemiezeiten merkwürdige Szenen ab. Seit Februar bietet der Verein seinen Mitgliedern, aber auch der gesamten Jenaer Bevölkerung an, auf den Außenanlagen Sport zu treiben, nach individueller Buchung und mit allen erdenklichen Sicherheitsmaßnahmen, wie es der Infektionsschutz nun einmal vorschreibt. Tennis, Tischtennis, Krafttraining und Calisthenics, eine moderne Art des Turnens, wurden zu Beginn angeboten; allein oder zu zweit, immer mit Abstand, versteht sich. Am Eingangstor steht eine Servicekraft und kontrolliert die Buchung. Seit neuestem können sich alle Sportlerinnen und Sportler zusätzlich an der Anlage einchecken. Der USV nutzt hier Luca, die Stadt Jena ist ja Modellregion. Seit dieser Woche sind auch die Streetballkörbe und weitere Angebote für Familien nach Anmeldung geöffnet. Tennis kann mittlerweile auch auf den zehn Sandplätzen gespielt werden, zuvor war das nur auf zwei Kunstrasenplätzen möglich.

 

Blickt man aber ein paar Meter weiter, so tummeln sich auf den Wiesen und den öffentlichen Sportanlagen dutzende Menschen, zuweilen ganz ohne Abstand. Ein Mitglied des Vereins beschreibt es ganz treffend mit den Worten “Wobei ich auch sagen muss, dass es sich, so schön wie es ist die Anlage zu nutzen, doch etwas wie Zoo angefühlt hat. Kaum jemand auf dem USZ Gelände, draußen irre viele Menschen, die normal trainieren und ab und zu kommt jemand vorbei und macht ein Foto von den Hanseln, die innerhalb des Zauns sind.”. Diese Fotos führen dann zuweilen zu Beschwerden bei der Stadt. Die bleiben allerdings ergebnislos, da sich der Verein mit seinen über 3.000 Mitglieder an die Regeln hält. Aber das fällt angesichts des schöner werdenden Wetters, der zunehmenden Ungeduld der Mitglieder und der öffentlichen Diskussionen über den Umgang mit geimpften Personen immer schwerer.

 

Kindersport steht in den Startlöchern – Verein mit eigenen Testbereich

 

Alle Abteilungen, die Sport für Kinder und Jugendliche anbieten sowie der Bereich Kinder- und Familiensport im USV Jena stehen schon in den Startlöchern. Mit immer mehr Unverständnis blickt man derzeit auf die Politik, die mit der bundeseinheitlichen Notbremse gerade einmal fünf Kindern bis 14 Jahren das gemeinsame Sporttreiben im Freien ermöglicht, natürlich auch mit Abstand und einem negativen Testergebnis der betreuende Person. Diese Regelungen sind sicher ein Anfang, aber ob des riesigen Aufwands, den sie nach sich ziehen können sie nur der Beginn des Wiedereinstiegs in den organisierten Sport für Kinder und Jugendliche sein. Der Verein neben dem Eingang extra einen Bereich eingerichtet, in dem sich die ehrenamtlichen Trainerinnen und Trainer selbst testen können, unter Aufsicht einer Servicekraft, sollten sie es einmal nicht in ein Testcenter schaffen. Mit dem negativen Ergebnis dürfen sie dann die Kindergruppen betreuen, draußen, mit Abstand. Man stelle sich vor, die Verpflichtung würde auch am Arbeitsplatz gelten, im Büro oder in der Produktion.

 

Und die Kinder, die älter sind als 14? Die dürfen organisierten Sport nur maximal zu zweit, oder mit Personen aus dem gleichen Haushalt machen. Organisierte Sportgruppen sind untersagt, Abstand hin oder her. Der USV lässt sie nicht im Regen stehen, aber hier wird das Bild wieder beinahe lustig, wenn es nicht so ernst wäre. Im Basketball zum Beispiel verfügt der Verein über eine moderne Außenanlage mit fünf Körben. “In unseren Mannschaften nutzen immer zwei Jugendliche einen Korb, können sich dort den Ball passen und werfen oder andere Bewegungen üben. Bei fünf Körben bekommen wir zehn Jugendliche zeitgleich unter.” sagt Denise Alkewitz, ehrenamtliche Leiterin der Abteilung Basketball mit knapp 200 Mitgliedern. Und die Trainerinnen und Trainer? Die seien da, würden aber nur schauen, dass die Kids sich an die Abstandsregeln halten und an ihren Körben bleiben. Anleiten dürften sie nicht, zumindest nicht alle Gruppen, wenn auch getrennt voneinander. Vielleicht ja nacheinander, so genau weiß man es nicht, deshalb geht man auf Nummer sicher. “Im Zweifel bekommen die Jungs und Mädels vorher einen Plan, den sie dann abspulen. Vielleicht rufen die Trainer dann aus der Ferne mal eine paar Tipps zu.” sagte Alkewitz in der Hoffnung, dass das nicht zu Beschwerden der Zaungäste führt.

 

Für die Jüngsten im Verein ist vor allem Peter Lorenz verantwortlich. Er betreut mit seinem Team die Vorschulsportgruppen, rund 60 Kinder gehören dazu. Sie warten seit mehreren Monaten brennend auf einen Wiedereinstieg. Und nicht nur sie, auch die Eltern sind sicher froh, ihre Kinder mit ein wenig Bewegung besser ausgelastet zu sehen und vielleicht selbst auch einmal den Kopf frei zu bekommen. Die entsprechenden Kurse sind auf dem Außengelände des vereinseigenen Bootshauses geplant und starteten in dieser Woche. Für Lorenz ist das eine Herzensangelegenheit, aber nicht nur das. Für den studierten Sportwissenschaftler hängt auch der Job an den Angeboten. Keine Kurse, keine Einnahmen, so einfach ist das in diesem Fall. Der Verein kann das zwar aktuell zum Großteil kompensieren, aber auf Dauer geht das nicht.

 

Über 300 Senioren im Verein sind zum Stillhalten verurteilt, trotz Impfung

 

Keine Sportstunde, kein Geld, so ist es bei den über 3000 festen Mitgliedern des Vereins nicht. Sie bezahlen seit einem Jahr den Beitrag weiter. Es gibt Nachfragen, aber die meisten Mitglieder haben Verständnis. Geschäftsführer Thomas Fritsche bearbeitet die Anfragen und sagt: “Die rechtlichen Regelungen sind den Wenigsten bekannt, aber die meisten Mitglieder haben Verständnis, wenn man sie darlegt. Unsere Abteilungen lassen sich auch viel einfallen für die Mitglieder. Dennoch fällt die Erklärung immer schwerer, je länger die Einschränkungen dauern.”. Stark betroffen sind über 300 Mitglieder der Abteilungen Senioren- und Gesundheitssport, für die Bewegung und sozialer Kontakt besonders wichtig sind. Eines der Mitglieder ist Prof. Dr. Günter Stein. Bis 2004 war Stein Direktor der Klinik für Innere Medizin III des Universitätsklinikums Jena. Er fordert, die Übungseinheiten für die zum größten Teil geimpften Seniorensportlerinnen und -sportler wieder zuzulassen, denn “Bewegung hält sie mobil, gesund und womöglich am Leben; Sport holt sie aus der Isolation heraus und ermöglicht die gesellschaftliche Teilhabe.”, so Stein. Für ihn sind die aktuellen Regelungen des Freistaats Ausdruck von mangelndem Respekt vor dem wichtigen gesellschaftlichen Bereich des Sports. Hier sind geimpfte Personen zwar gleichgestellt mit negativ getesteten oder genesenen Personen, aber dafür keinerlei Regelung für den Breitensport. Das heißt konkret, weder Impfung, noch negativer Test oder Nachweis einer überstandenen Coronainfektion ermöglichen Sport in Gruppen.

 

Stein steht in engem Austausch mit Prof. Dr. Christoph Englert, dem Präsidenten des Vereins. Der Biochemiker leitet die Forschungsgruppe Molekulare Genetik am Leibniz-Institut für Alternsforschung und weiß bestens, welche Bedeutung der Sport im Alter hat. Aber auch für den Verein ist der Seniorensport ein wichtiges Standbein, das aber zunehmend wackelt. Fast 100 Mitglieder hat der Verein seit Beginn der Corona Pandemie in dem Bereich verloren und es kommen keine neuen hinzu. Wer tritt schon in einen Verein ein, wenn man dem eigentlichen Zweck nicht nachkommen kann. Der USV Jena drängt auf eine zügige Regelung, die es den geimpften Personen erlaubt, sich wieder in den Sportgruppen zu bewegen. Eine Neiddebatte innerhalb des Vereins fürchtet Englert indes nicht. “Wir sind ein engagierter Verein und Neid gibt es da nicht. Wir diskutieren ja auch nicht darüber, dass die Mitglieder der Abteilung Tennis mit verhältnismäßig wenig Einschränkungen spielen können.” Apropos Tennis, kleine Einschränkungen gibt es auch hier. Einzel darf gespielt werden, Doppel nicht. Auch zwei Ehepaare dürfen nicht gegeneinander spielen, auch wenn das bei den älteren Mitgliedern, die meist am Vormittag spielen, durchaus üblich ist. Man steht zwar meist gute 20 Meter auseinander und Netzangriffe wie von Boris Becker in besten Zeiten sind eher selten, aber sei es drum, es ist verschmerzbar.

 

Thüringer Verordnung enthält keine Stufenregelungen für den Breitensport

 

Mit großem Unverständnis nahm der USV Jena zur Kenntnis, dass die aktuelle Verordnung des Landes Thüringen, die bis zum 03. Juni gilt, keinerlei Stufenregelung für den Breitensport enthält. Im Kern bedeutet das, auch bei einer dauerhaften Inzidenz von 100 können die Bürger der Stadt keine weiteren Lockerungen im Bereich Breitensport erwarten. Individualsport allein, zu zweit oder mit Personen des gleichen Haushalts, dabei bleibt es. Für die Sportvereine des Freistaats ist das ein Schlag ins Kontor und wird mehr und mehr existenzbedrohend. Der Breitensport scheint in Thüringen keinerlei Stellenwert zu genießen, anders ist die Entscheidung der Landesregierung nicht zu erklären.

 

Gang vor Gericht als letztes Mittel

 

Wie lange die umfangreichen Einschränkungen verschmerzbar sind und welche Konsequenzen der Verein zieht steht nicht fest. “Wir diskutieren viel über die Regelungen und was sie für den Verein bedeuten. Als einer der größten Vereine in Thüringen und als Kooperationspartner der Universität Jena sind wir uns unserer Verantwortung bewusst.” sagt Englert. Ob der Verein auch den Gang vor Gericht antreten würde ließ er offen. Als letztes Mittel wäre das aus seiner Sicht nicht ausgeschlossen, eine Rechtsberatung hat der Verein schon beauftragt. Ob man den Schritt schlussendlich geht, darüber muss der Vorstand intensiv diskutieren. In der Zwischenzeit geht es im Universitätssportzentrum zuweilen zu wie im Zoo, besonders bei gutem Wetter.


06.05.2021 13:01