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Rugby Try Outs in der Oberaue

Klaus Duphorn verstorben

USV Jena trauert um langjähriges Fördermitglied


Prof. Dr. Klaus Duphorn (links) im Gespräch mit Dr. Gerhard Rauschenbach, der zu seiner Studentenzeit HSG-Vorsitzender war, in der Traditionsgaststätte des USV bei einem Treffen des Förderkreises in den 1990er Jahren. (Foto H. Kremer)

Der Mann, der Berge und Gletscher nach dem Jenzig und Jena benannte

 

Am 30. Juli 2021 ist das Fördermitglied des USV Jena e. V., Prof. Dr. Klaus verstorben. Er war ein sportlicher Jenaer Junge, der ein geologischer Weltenbummler wurde, aber nie vergaß, woher er kam.

 

1934 in Jena geboren hatte er die Begeisterung für den Sport vom Vater Paul geerbt, der als passionierter Schottianer, als Mitbegründer des Jenaer Arbeiter- und Jugendsports sowie als Streikführer des VEB Jenapharm beim Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 stadtbekannt war. Die sportliche Laufbahn seines Sohnes begann 1942 in den Turnstunden beim Turn-, Sport- und Musikverein TSM Otto Schott. Nach dem Krieg spielte Klaus Duphorn Fußball. Hinter ihm stand als Verteidiger ein weiteres Fördermitglied des USV: Prof. Dr. Klaus Keil, der Professor für Geophysik und Planetologie an der Hawaii Universität wurde und seit 2002 Ehrendoktor der Universität Jena ist.

 

Die bekannten Skilangläufer Willy Franke und Artur Fleischhauer holten Klaus Duphorn vom Fußballplatz zum Skilanglauf. Seinen größten sportlichen Erfolg erzielte er bei den DDR-Skimeisterschaften im Februar 1955 in Oberhof. Gemeinsam mit den Jenaer HSG-Sportlern Reinhard Anders und Hans Weckel sowie Jochen Hederich von der HSG Halle belegte er im Mannschafts-Patrouillenlauf (Vorläufer des Biathlons) den 3. Platz.

 

Wegen der Verurteilung seines Vaters und wegen zwei jeweils mehrmonatiger politischer Disziplinarverfahren an der Universität Jena durfte Duphorn weder in die BRD noch in das sozialistische Ausland reisen. So kletterten seine Bergfreunde von der BSG Motor Schott in der Hohen Tatra ohne ihn auf die Lomnitzspitze.

 

1956 qualifizierte er sich bei einem 15 km Skilanglauf im Erzgebirge als einziger männlicher Jenenser für die Teilnahme an den 11. Internationalen Akademischen Wintersportmeisterschaften in Zakopane. Auch daraus wurde nichts. Umso ausgiebiger erfüllte er sich 30 Jahre später als Gastprofessor des Geologischen Instituts der Universität Oslo und als Gutachter des norwegischen Forschungsrates seinen Jenaer Skitraum vom Holmenkollen. Eine der klassischen Loipen lag nur 50 m vor seinem Apartment.

 

Im Sommer hielt sich der Skiläufer Duphorn mit Leichtathletik, Rudern und Felsklettern fit. Sein Lieblingsfelsen war der porphyrische Falkenstein bei Tambach- Dietharz. Dort durchstieg er fast alle Routen bis damals höchstem Schwierigkeitsgrad 6.

 

Sein Abstecher in die Leichtathletik endete mit einem Eklat. Bei den Bezirksmeisterschaften 1956 im Jenaer Stadion gewann er regulär den 3000 m Hindernislauf und ließ sich erschöpft auf dem Rasen fallen. Da stieß ihn einer der beiden Kampfrichter an uns sagte: „Du hast dich verzählt. Du musst noch eine Runde laufen!“ Der zweite Kampfrichter war verunsichert und schwieg. Trainer Artur Linß und HSG – 800 m Läufer Dr. Heinrich Gesang, die ebenfalls mitgezählt hatten, schäumten vor Empörung. Duppi, wie er von Freunden genannt wurde, erinnert sich amüsiert: „ Ich dachte, die gehen dem an die Kehle!“

 

Nach dem Abitur 1952 an der Grete- Unrein- Oberschule studierte er bis 1958 an der Friedrich- Schiller- Universität Jena Geographie und Geologie. 1958/59 arbeitete er als Diplomgeologe im Geologischen Dienst Jena. Der dortige Parteisekretär der SED verweigerte ihm aber die Promotion. Als ihm auch die Teilnahme an Fachtagungen in Ostberlin verweigert wurde, verließ er die DDR. Die Promotion holte er 1962 mit einer Studie zur Fluss- und Vulkanentwicklung des thüringischen und fränkischen Rhönvorlandes an der Universität Würzburg nach. Kurz vorher heiratete er seine sächsische Skifreundin Barbara, die er im Winterurlaub in Schierke kennen gelernt hatte und die ihm 1960 nach Würzburg gefolgt war.

 

1962 zogen die beiden nach Hannover um. Dort hatte Duphorn bis 1970 eine berufliche Doppelfunktion:

 

  1. Als Kartierer bei der geologischen Landesaufnahme Niedersachsens. Von überregionalem Interesse war dabei der geologische Nachweis einer eiszeitlichen Harzvergletscherung zwischen Brocken (1141 m), Wurmberg (971 m) und Bruchberg (918 m).
  2. Als wissenschaftlicher Redakteur und Sekretär der mit der UNESCO verbundenen „Kommission für die Internationale Quartärkarte von Europa 1:2,5 Millionen“.

 

Darauf sind alle eis- und nacheiszeitlichen Ablagerungen des Kontinents und seiner Meere dargestellt.

 

Seit 1968 war Klaus Duphorn als Geologe auch korrespondierendes Mitglied der „Kommission für geomorphologische Forschung und Kartierung“ der Internationalen Geographischen Union. In geokartographischer Mission flog er zu Kommissionssitzungen, Vorträgen, redaktionellen Besprechungen und Exkursionen in fast alle europäischen Länder und in die USA. Die Sowjetunion, die mit ihrem Anteil bis zum Ural über ein Drittel der Europakarte einnimmt, besuchte er gleich dreimal.

 

1970 begann ein neuer beruflicher Abschnitt. Jetzt sollte er als Wirtschafts- und Oberregierungsgeologe der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe Hannover (BGR) im Rahmen der langfristigen nationalen Rohstoffvorsorge wirtschaftlich wichtige Erzsande in Übersee vorerkunden. Somit war aus der europäischen eine globale Aufgabe geworden.

 

Von 1970 – 1973 bohrte er als Leiter der „BGR-Küstengruppe Mosambik“ unter manchmal abenteuerlichen Begleitumständen einen 600 km langen Küstenstreifen nördlich des Sambesi nach Titansanden ab. Neue Sportart: Strandsegeln. Größter Erfolg: Im Sambesi- Delta und im Flachmeer davor wurden in Zusammenarbeit mit Meeresgeologen der BGR und der deutschen Bergbau-Industrie an Bord des Forschungsschiffes „Valdivia“ vier Lagerstätten erbohrt, die groß genug waren, um den Titanbedarf der westlichen Welt für 10 Jahre zu decken. Titan wird in großen Mengen in der Farben- und Lackindustrie sowie für feuer- und hitzefeste Legierungen gebraucht, etwas davon auch für chirurgische Legierungen.

 

1972/73 leitete Duphorn nebenbei in den Hochgebirgen von Mosambik, Simbabwe, Malawi und Uganda ein Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG): „Eiszeitliche Vergletscherungen im südlichen Afrika.“ Dabei kam es im ugandischen Mobukutal zum überraschenden Ergebnis, dass die gegenwärtig stark zurückschmelzenden Gletscher in den Gipfellagen des 5119 m hohen Ruwenzori sich in der vorletzten Eiszeit zu einem 23 km langen Talgletscher zusammenschlossen, der bis auf 1450 m hinab vorstieß, und das genau am Äquator.

 

Im Frühjahr 1974 entwickelte er in Zusammenarbeit mit den geologischen Diensten in Thailand, Malaysia, Singapur und Indonesien vor Ort ein Projekt zur Erkundung von Zinnerzsanden in eiszeitlichen Flusstälern der Malakka- Straße, die bei der letzteiszeitlichen Meeresspiegel- Absenkung bis 120 m trockengefallen war. Dieses Projekt und eine halbjährige Übersichtserkundung des legendären Inka- Goldes in den zum Amazonas entwässernden Flüssen der peruanischen Anden wurden jedoch ohne ihn fortgesetzt; denn im Sommer erschien sein Lehrbuch über „Norddeutschland und angrenzende Gebiete im Eiszeitalter“ und zum Wintersemester 1974/75 wurde er als Geologieprofessor an der Universität Kiel berufen. Seitdem hat er einen zweiten Spitznamen: „Eiszeit- Duphorn“.

 

Eine seiner ersten Amtshandlungen in Kiel war die Beantragung eines DFG- Projekts zur Erforschung der geologischen Entwicklung der zentralen und südlichen Ostsee seit der letzten Eiszeit. Die Durchführung erfolgte in enger Zusammenarbeit mit dänischen, schwedischen, finnischen und polnischen Instituten sowie unter Mitarbeit von eigenen Doktoranden und Diplomanden nicht nur auf See, sondern auch in ausgewählten Küstengebieten Schleswig-Holsteins, Finnlands und Südschwedens. 1995 erschien als Kiel/Greifswalder Co-Produktion das geologische Exkursionsbuch „Die deutsche Ostseeküste“.

 

In den bei der Berufung vereinbarten Forschungs-Freisemestern zog es Klaus Duphorn in immer weitere Ferne. Im Sommer und Herbst 1981 arbeitete er im Auftrage der EU als Umwelt- und Rohstoffgeologe im Institut für Meereskunde der Südpazifik- Universität Suwa/Fiji und im „Ministry of Lands, Survey & Natural Resources“ des Königreiches Tonga, das aus 170 Vulkan- und Koralleninseln besteht. Neue Sportart: Meerestauchen. Größter Erfolg: Entdeckung einer Lagerstätte aus weißen Korallensanden unter 2 - 3 m Rotlehm im Innern der Hauptinsel Tongatapu. Diese Lagerstätte war groß genug, um den Bedarf an Bau- und Grabhügelsand (traditionelle polynesische Sitte) für mindestens 20 Jahre zu decken. Somit konnten auch die Strände und Lagunen, wo der Sand bisher abgebaut wurde, unter Naturschutz gestellt und für „fish farming“ genutzt werden.

 

In der Öffentlichkeit wurde Klaus Duphorn vor allem durch sein fachliches Dagegenhalten beim nationalen Atommüll- Endlagerprojekt Gorleben bekannt. Nach Auswertung zahlreicher Erkundungsbohrungen, bei denen er mit zwei Arbeitsgruppen seines Instituts aktiven Anteil hatte, empfahl er im Abschlussbericht 1983 der Bundesregierung die alternative Erkundung anderer Standorte. Zu seinem Gorleben- Gutachten von 1988, das eine konzeptionelle Neubewertung der deutschen Endlagerpolitik einleitete, schrieb der spätere Bundeskanzler Gerhard Schröder das Vorwort.

 

An der nachfolgenden Neubewertung war Klaus Duphorn als Mitglied des Ausschusses für Endlagerfragen beim Niedersächsischen Umweltministerium (1992 – 1998) und des Arbeitskreises Auswahlverfahren Endlagerstandorte beim Bundesumweltministerium (1999 – 2002) ebenfalls aktiv beteiligt. Dabei geriet er aber zunehmend in Konflikt mit der von ihm nicht gewollten politischen Vorgabe des „Ein-Endlager- Konzeptes“. Das war auch das Thema seines vorläufig letzten Endlagervortrages, den er auf Einladung des niedersächsischen Umweltministers bei einem Symposium am 24. November 2003 in Hannover hielt.

 

Als beruflichen und sportlichen Höhepunkt seines vielseitigen Geologenlebens nannte Klaus Duphorn die drei jeweils viermonatigen Antarktis- Expeditionen der BGR Hannover in den 80er- Jahren, an denen er als Eiszeit- und Gletschergeologe teilgenommen hat. Arbeitsgebiet war das ohne Eisbrecher und bordeigene Hubschrauber unzugängliche, bis 4000 m hohe Transantarktische Gebirge im nördlichen Victorialand. Insgesamt waren 13 Nationen vertreten.

 

Trotz moderner Technik und perfekter Logistik bedeutet geologische Geländearbeit in der Antarktis für den einzelnen Wissenschaftler wie zu Zeiten von Scott und Amundsen harter körperlicher Einsatz, Strapazen und Risiko. Gefordert sind Toleranz, Kameradschaftlichkeit sowie die Fähigkeit, die Naturgesetze mit allen Konsequenzen zu respektieren und Notsituationen physisch und psychisch zu meistern.

 

Daher ging jeder Expedition ein Berg/Eis- Sicherheitskurs am Mount Cook, dem mit 3745m höchstem Berg Neuseelands voraus. In der Antarktis profitierte „Gletscher- Klaus“ (antarktischer Spitzname) außerdem von seinen in Thüringen erlernten Hobbys Skilaufen und Bergsteigen. Denn, um die bis über 1000 m höheren Gletscherstände der geologischen Vergangenheit zu messen und um die Gletschergeschiebe bis zu ihren Ursprungsorten im Fels zurückverfolgen zu können, musste er oft vom Zelt oder Hubschrauber- Landeplatz aus mit norwegischen Kombiski, Kletterseil, Eispickel, Steigeisen und „survival pack“ losziehen. Ebenso oft kam er mit der Kraxe voller Gesteinsproben zurück. Etwa zwei Zentner davon stecken jetzt in der sogenannten „Sieben Kontinente Mauer“, die er vor seinem Kieler Haus gebaut hatte und die nach jeder Expedition ein Stück länger und höher geworden ist.

 

Bei den Berg- und Gletschertouren wurde er abwechselnd von den international renommierten neuseeländischen Bergführern Gary Ball und Maurice Conway begleitet. Mit ihnen hat er zahlreiche Erstbesteigungen gemacht. Eine davon führte im Südsommer 1979/80 auf den 2083 m hohen, vor etwa 2- 3 Millionen Jahren erloschenen Vulkangipfel der Adare- Halbinsel, die wie eine Wand 40 km weit in den Pazifik und das Ross- Meer hineinragt. Auf Vorschlag des BGR- Expeditionsleiters steht seit 1987 dort auf den Landkarten „ Duphorn Height“. Sein Begleiter Gary Ball starb im Oktober 1993 bei 7350 m auf dem Weg zum 8167m hohen Dhaulagiri im Himalaja an einem Lungenödem und wurde dort von seinem Bergkameraden in einer Eisspalte begraben.

 

Auch im politisch geteilten Deutschland war Klaus Duphorn ein Wanderer zwischen den Welten, der seine familiären Bindungen nach Jena immer aufrechterhielt. Nach der deutschen Einheit 1990 bemühte er sich im Auftrage des Wissenschaftsrates und der Deutschen Geologischen Gesellschaft um das Zusammenwachsen der deutschen Geologengemeinschaft. Bei der ersten Jahrestagung des wiedergegründeten Thüringischen Geologischen Vereins (TGV) 1991 in Erfurt hielt er den öffentlichen Abendvortrag: „Abenteuer Antarktis. Expedition in die Eiszeit!“ Ein zweiter Vortrag über „Mount Jenzig und Jena- Gletscher in der Antarktis“ folgte bei der TGV-Tagung 2000 im Jenaer Hotel „Schwarzer Bär“. Im gleichen Jahr wurde er Fördermitglied des USV Jena e. V. und unterstützte den USV als Stifter beim Bau der Dreifelderhalle.

 

Dr. H. Kremer


08.08.2021 13:01