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Ready to play!

Interview mit Susen Lösch

Nach den World Games in Polen und der Weltcup-Runde 3 in Lettland hat sich unsere und Deutschlands beste Orientierungsläuferin für ein Gespräch Zeit genommen, um unsere umfassenden Fragen zu beantworten.


Foto: Fred Hertelt

J.H.: Hallo Susen, du hast bei den World Games Ende Juli in Polen, für die du dich als einzige deutsche Orientierungsläufer(in) und eine von drei Thüringern überhaupt qualifiziert hast, auf der Mitteldistanz den 19. und über die Sprintdistanz den 27. Platz belegt. Beim Weltcup mit einem deutlich dichteren Starterfeld am letzten Augustwochenende in Lettland hast du in den gleichen Disziplinen einen 45. und einen 37. Platz erreicht und hast eine sehr gute Staffel-Einzelleistung als Schlussläuferin gezeigt. Dazu gratulieren wir vom USV ganz herzlich!

Susen Lösch: Vielen Dank!

J.H.: Mit welchem Lauf, mit welchem Wettkampf bist Du denn am zufriedensten, auf welchen am stolzesten?

Susen Lösch: Also rein von der Teilnahme her ist natürlich, dass ich bei den World Games dabei sein durfte, supercool, weil das ja für die Sportarten, die nicht im Olympischen Programm sind, der Ersatz für die Olympischen Spiele ist. Von der eigenen Leistung her, fand ich eigentlich meinen Sprint-Quali-Lauf beim Weltcup am besten.

J.H.: Das sieht vom Papier her auch so aus – ein 9. Platz im zweiten von drei Vorläufen. Warum bist du genau auf diesen Lauf am stolzesten, hast du da z.B. keine Fehler gemacht oder warum?

Susen Lösch: Ja, … Also der Weltcup ging ja damit los, dass ich auf der Mitteldistanz zu langsam angefangen hatte. Bei der Staffel hat das dann mit dem Tempo geklappt, sodass ich irgendwann im Lauf richtig drin war. Dadurch, dass ich bis dahin noch keine Weltcup-Punkte geholt hatte (Anmerkung: Die ersten 40 eines Einzellaufs bekommen Punkte), was mich schon ein bisschen geärgert hatte, dachte ich mir: Okay, du musst auf jeden Fall in dieses verdammte Sprintfinale kommen, damit ich wenigstens noch ein paar Punkte kriege an diesem Wochenende. Und dann bin ich einfach volle Hemme losgerannt und richtig Risiko gegangen. Und es hat komplett funktioniert, ich konnte die ganze Zeit das volle Tempo gehen und hab keinen einzigen Fehler gemacht. Also so einen Lauf würde ich gerne öfter machen. Aber man muss natürlich sagen, dass der Lauf sehr Sprint-Quali-typisch war – sehr einfach – und dadurch kann man halt auch ein sehr hohes Tempo gehen ohne wirklich das Risiko einzugehen Fehler zu machen.

J.H.: Und das zeigt ja auch, dass du vom Tempo her sehr gut mit der Weltspitze mithalten kannst!

Susen Lösch: Genau! Das hab ich auch schon bei der Staffel gemerkt. Da bin ja ganz alleine losgelaufen, weil wir ja quasi hinterherlaufen mussten (Anmerkung: durch eine Verletzung der ebenfalls Jenaer Startläuferin Arntraut Götsch auf der Strecke hatte die Staffel schon einigen Rückstand). Und du hast halt niemanden, der dir die Kontrollposten zeigt oder dich zieht oder sonst irgendwas. Ich hab da, denke ich, eine ganz gute Zeit hingelegt; und hab das Zeug bei so einem Weltcup durchaus mal in die Top30 oder so zu laufen. Das Potenzial ist da, es braucht halt nur den richtigen Tag. Man muss es einfach nur mal machen! – Als OL-er verändert man sich ja auch ständig, weil man immer schneller, immer besser wird. Und das muss immer wieder angepasst werden, das Lauftempo und das Orientieren. Und gerade ist es so, dass ich mal wieder gucken muss, dass ich das Tempo, das ich anscheinend habe, irgendwie dann mal in den Wald bringe und nicht aus Angst vor Fehlern langsam laufe. Das hab ich erkannt in den letzten zwei Rennen. Aber dazu braucht es einen Wettkampf, und manchmal ist das eben ein Weltcup und manchmal eine Thüringer Meisterschaft.

J.H.: Du hast vorhin von deinem Potential gesprochen. Und jetzt ist es ja so, dass der nächste Weltcup Ende September/ Anfang Oktober in der Schweiz stattfindet. Da ist es ja vielleicht so, dass manche Läufer, z.B. aus Skandinavien, nicht ganz so gut zurechtkommen werden. Denkst du, dass du dadurch auch noch einmal bessere Chancen hast?

Susen Lösch: Wodurch man beim Weltcup-Finale bessere Chancen hat ist, dass dort auch nicht so viele kommen. Jetzt in Lettland, das war unglaublich – über 120 Starter bei den Männern und an die 100 bei den Frauen. So ein großes, gutes Feld hat man selten beim OL. Jetzt beim Weltcup-Finale sind das vielleicht 50, 60 Damen. Das macht es natürlich einfacher auch mal in die Top 40 oder Top 30 zu laufen. Und die Skandinavier – natürlich – die sind…Ja, Lettland ist für die auch anders. Wo die auf jeden Fall gut sind ist in Skandinavien und sobald es dann ein bisschen anders wird… naja… Die sind trotzdem gut! Aber auch die Skandinavier stellen sich mal weg.

J.H.: Aber die Deutschen sind in der Schweiz wahrscheinlich ein bisschen besser, oder?

Susen Lösch: Ja, ich denke schon… Die Schweizer sind da auf jeden Fall gut!

J.H.: Ja, das versteht sich! Weißt du warum so wenige zum Weltcup-Finale kommen?

Susen Lösch: Für viele ist die Saison einfach zu lang, sie haben keine Kraft mehr, keine Motivation. Es kommen die, die noch Chancen haben, sich richtig gut zu platzieren, dann Leute, die noch Bock haben, die sagen: „Ich hab noch Kraft, ich zieh das jetzt hier durch!“. Und für manche ist es so, dass es sich nicht richtig lohnt, wegen so ein paar Weltcup-Punkten jetzt in die Schweiz zu fahren; vor allem, wenn man bedenkt, dass die Schweiz ja auch relativ teuer ist. Die meisten OL-Verbände haben nämlich nicht unendlich viel Geld.

J.H.: Nächstes Jahr kommt ja wieder eine WM, auch in Lettland. Wie es scheint, wirst du ja zur Zeit nicht gerade schlechter im OL. Was denkst du, wie deine Chancen dort sind?

Susen Lösch: Oh Gott, das ist jetzt natürlich eine schwierige Frage! Also toll wäre es natürlich bei der WM endlich mal in die Top20 zu laufen. Und ich denke das kann ich auch, wenn ich jetzt in Schweden den ganzen Winter und das ganze Frühjahr gut trainiere und mache und durchziehe. Und dann – mal sehen! – vielleicht ist ja auch eine Top15-Platzierung bei der WM drin. Also das wäre natürlich bombastisch! Ich weiß, dass dieses Jahr manche Leute, die ich schon oft geschlagen habe, zum Beispiel die eine Tschechin, bei der WM einfach mal achte(!) geworden sind. Daran sieht man einfach, dass es nicht unmöglich ist. Man muss es halt einfach mal machen! – Es steckt natürlich ein Haufen Arbeit und Zeit dahinter…

J.H.: … aber es lohnt sich?

Susen Lösch: Aber es lohnt sich! Genau, es lohnt sich! Irgendwann kommt der Tag, an dem es passt. Und dann lohnt es sich und macht einen Haufen Spaß!

J.H.: Dein bestes Ergebnis beim Weltcup war der Sprint, bei den World Games war es die Mitteldistanz mit Platz 19, also schon mal Top20 in einem kleineren Starterfeld. Wie siehst du denn deine Zukunft in den urbanen Sprint-Disziplinen? Wir haben gesehen, dass du bei der WM den Sprint und die Sprint-Mix-Staffel ausgelassen hast und dich voll auf die Walddisziplinen Mittel-, Langdistanz und Staffel konzentriert hast.

Susen Lösch: Ja, das es richtig. Hauptsächlich liegt das mit der Konzentration auf die Walddisziplinen an dem Divisionen-System bei der WM (Anmerkung: die von den Vorjahres-Ergebnissen abhängige Division bestimmt die Startplätze pro Nation), weil es das halt nur im Wald gibt –  im Sprint gibt es Vorläufe, da ist das mit den Divisionen dann ganz egal. – Aber Sprint ist natürlich auch eine Disziplin, die ihre Vorzüge hat und ziemlich lustig ist. Ab 2019 wird das WM- System ja umgestellt, die Wald- und Sprint-Disziplinen werden getrennt. 2020 ist dann die erste rein urbane Sprint-WM. Und ich denke, ich hab dann die Möglichkeit auch im Sprint wieder richtig gute Leistungen zu zeigen. Ich habe gemerkt, dass ich neben dem Studium nicht genügend Zeit habe, um mich auf beides so gut vorzubereiten, wie ich das gerne hätte. Deshalb mache ich nur eins und der Wald ist aus den genannten Gründen eben wichtiger. Aber wenn sich das dann ändert, dann ist auch im Sprint wieder einiges drin! An sich ist der Wald schon cooler, aber der Sprint hat auch seine netten Seiten.

J.H.: Aber du willst bis 2020, bis zu reinen Sprint-WM warten und dann voll durchziehen!?

Susen Lösch: 2019 ist ja dann auch schon Sprint-EM. Die ganze WM-Vorbereitung ist dann nur für den Wald und alles, was man für die EM macht ist nur Sprint. Man fährt dann in zwei Trainingslager, das eine nur auf Sprint ausgerichtet, das andere nur auf Wald. Bis jetzt hatte man halt meistens gemischte Trainingslager. Und dann fällt das Divisionen-System weg, sodass man sich, denke ich, besser auf jedes Einzelne vorbereiten kann. Ich bin ja dann voraussichtlich mit Studieren fertig – wer weiß, was dann alles passiert. Aber das wär schon schön, wenn´s so klappen würde.

J.H.: Mal rein utopisch, könntest du dir vorstellen Profi-Sportlerin zu werden? Oder fehlt dir dann etwas anderes, also wäre dir das zu einseitig als Profi-Sportlerin?

Susen Lösch: Ehrlich gesagt, ich habe lange davon geträumt, dass ich nichts anderes als OL machen muss, aber ich habe jetzt in den letzten paar Monaten – wo ich ja bedingt durch einige Zwischenphasen und die WM-Vorbereitung quasi als eine Profi-Sportlerin gelebt habe –  gemerkt, dass es gut ist, wenn man auch etwas hat, was für gewisse Tage in der Woche oder Zeiten am Tag den vollen Fokus verlangt. Dass es nicht nur das Training ist, sondern man auch etwas anderes hat und nicht den ganzen Tag über OL nachdenkt, sondern eben auch über seine Hausaufgaben an der Uni oder seine Verpflichtungen bei der Arbeit. Und dort will man ja auch gut sein. Und es ist gut, dass man einfach mal eine Ablenkung hat. Nach dieser kurzen „Profi-Zeit“ habe ich mich sehr gefreut, dass das Studium wieder losging. Dass man auch mal mit anderen Leuten spricht, einfach auch mal über ganz andere Themen nachdenkt. Das ist wichtig! Sonst wird es einfach zu viel – also mir jedenfalls. Es gibt ja auch viele Profi-Sportler, die im Winter dann einen Halbtags-Job machen, als Lehrerin oder Physiotherapeut oder so.

J.H.: Und es hat auch schon sehr gute Amateursportler gegeben!

Susen Lösch: Ja, das auch!

J.H.: Liegt dir noch etwas auf dem Herzen, was du gerne loswerden willst?

Susen Lösch: Ja, ich will mich einfach mal beim USV Jena, und natürlich bei der Abteilung OL bedanken für die langjährige volle Unterstützung, dass immer, wenn ich mal wieder in Jena bin, jemand kommt und sagt: „Ach, schön dass du wieder da bist, deine Ergebnisse neulich waren ja super, Glückwunsch!“. Das motiviert mich jedes Mal wieder und macht mich irgendwie stolz.  Es freut mich, dass ich den Verein immer wieder stolz machen kann und dass ihr alle hinter mir steht, dass ihr immer verfolgt, was ich da „in der Weltgeschichte treibe“. Das find ich super!

J.H.: Liebe Susen, wir danken dir sehr für das Gespräch!

Das Interview wurde am Mi, 30.08.2017 von Joris Hochstetter geführt.

Fotos: Fred Härtelt

 


12.09.2017 00:00 Kategorie: Orientierungslauf
Von: Joris Hochstetter